Boytronic – You (Special ´86 Remix)
Boytronic „You“ (Special ’86 Remix): Die Metamorphose eines Synthie-Pop-Meilensteins
Wenn man über die einflussreichsten deutschen Electronic-Acts der 1980er Jahre spricht, fällt unweigerlich der Name Boytronic. Die Hamburger Formation prägte mit ihrem unterkühlten, aber dennoch hochgradig tanzbaren Sound eine ganze Ära. Ein besonderes Kapitel in ihrer Diskographie markiert das Jahr 1986, als ihr größter Hit „You“ durch einen visionären Remix neues Leben eingehaucht bekam und eine B-Seite ans Tageslicht beförderte, die Musikgeschichte schreiben sollte.
Die Evolution von „You“: Vom Geheimtipp 1983 zum globalen Club-Hit 1986
Ursprünglich wurde „You“ bereits im Jahr 1983 veröffentlicht. In seiner Urfassung war der Song ein Paradebeispiel für den aufkommenden deutschen Synthie-Pop: treibende Sequenzer, melancholische Vocals von Holger Wobker und eine dichte, atmosphärische Produktion. Der Track entwickelte sich schnell zum Liebling in den Underground-Clubs, doch das volle Potenzial für den Massenmarkt sollte erst drei Jahre später ausgeschöpft werden.
Im Jahr 1986 erschien der legendäre „Special ’86 Remix“, angefertigt von keinem Geringeren als Paul Dakeyne. Dakeyne, der als DJ und Produzent eng mit dem Disco Mix Club (DMC) verbunden war, verstand es meisterhaft, den Kern des Songs beizubehalten und ihn gleichzeitig mit zeitgemäßen Beats und einer druckvolleren Dynamik für die Tanzflächen der späten 80er zu optimieren. Dieser Remix sorgte dafür, dass Boytronic erneut in den Fokus der internationalen DJ-Szene rückten und der Song endgültig den Status eines Evergreens erreichte.
Bryllyant: Die Geburtsstunde einer New Beat-Hymne durch Zufall
Während die A-Seite der 12-Inch mit dem Dakeyne-Remix glänzte, verbarg sich auf der B-Seite ein Titel namens „Bryllyant“. In seiner ursprünglichen Form war „Bryllyant“ ein schneller, fast schon hektischer Instrumental-Track, der typisch für den damaligen High-Energy-Sound war. Doch wie es bei vielen Legenden der Clubkultur der Fall ist, war es ein glücklicher Zufall (oder die Experimentierfreudigkeit eines DJs), der den Track unsterblich machte.
In den aufstrebenden Clubs Belgiens, der Wiege des New Beat, begannen DJs damit, 45-RPM-Platten konsequent auf 33 1/3 Umdrehungen pro Minute abzuspielen – oft zusätzlich mit einem Pitch von +8 %. Als „Bryllyant“ auf diese Weise verlangsamt wurde, geschah etwas Magisches: Der Song verwandelte sich von einer schnellen Pop-Nummer in ein düsteres, schwerfälliges und hypnotisches Monster.
Dieser „gepitchte“ Sound verlieh den Synthesizern eine ungeahnte Tiefe und eine fast schon bedrohliche Gravitas. „Bryllyant“ wurde so zur absoluten Hymne der New-Beat-Bewegung und beeinflusste maßgeblich die Entwicklung von härteren elektronischen Genres wie EBM und dem frühen Techno.
Der offizielle Ritterschlag: Der 33 1/3 Plus 8 Remix
Die Nachfrage nach der verlangsamten Version war so gewaltig, dass die Plattenfirma schließlich reagierte. Was ursprünglich als DJ-Trick in den Clubs von Gent und Antwerpen begann, wurde 1988 offiziell als „33 1/3 Plus 8 Remix“ (manchmal auch als „Plus 8 Remix“ bezeichnet) veröffentlicht.
Dieser Remix, unter anderem produziert von Thomas Gesell und Willi Grossmann, emulierte exakt den Sound, den die DJs durch das Runterpitching der Originalplatte erzeugt hatten. Damit ist Boytronics „Bryllyant“ eines der seltenen Beispiele in der Musikgeschichte, bei dem die Art und Weise, wie ein Publikum ein Medium „falsch“ benutzte, die offizielle künstlerische Richtung des Projekts nachhaltig veränderte.
Boytronic und Paul Dakeyne: Ein Vermächtnis in der Musikgeschichte
Die Zusammenarbeit zwischen Boytronic und Paul Dakeyne sowie der unerwartete Erfolg von „Bryllyant“ zeigen, wie dynamisch die elektronische Musikszene der 80er Jahre war. Boytronic bewiesen, dass sie nicht nur eingängige Melodien schreiben konnten, sondern dass ihre Musik eine klangliche Substanz besaß, die über verschiedene Geschwindigkeiten und Genres hinweg funktionierte.
Heute ist die 12-Inch von 1986 ein begehrtes Sammlerstück. Sie dokumentiert den Übergang vom klassischen Synthie-Pop hin zu den experimentelleren Klängen, die den Weg für die Rave-Kultur der 90er Jahre ebneten. Wer „You“ im Dakeyne-Remix hört, spürt die Energie der 80er – wer „Bryllyant“ auf 33 Umdrehungen hört, spürt die Zukunft der elektronischen Musik.
Wichtige Fakten für Sammler und Fans:
- Original Release „You“: 1983 (Label: Phonogram)
- Special ’86 Remix: Paul Dakeyne (Label: Rush Records / BCM)
- Bryllyant BPM: Ursprünglich ca. 128 BPM, auf 33 1/3 plus 8 % reduziert auf ca. 100-105 BPM.
- Genre-Einfluss: Maßgeblich für den belgischen New Beat und frühen Balearic House.
Bevor ich das nächste Mal wieder nach dem Remix von Bryllyant von Boytronic suche. Hier gleich der Link dazu. Am witzigsten finde ich die „Tür“, die nach „Electrica Salsa“ von OFF klingt.